Stadt versus Land

Wenn Stadtmenschen aufs Land ziehen, kann es manchmal brenzlig werden. Ich komme ursprünglich vom Land, die Familie meines Mannes hat Landwirtschaft, aber irgendwie konnten wir uns beide nicht wirklich damit identifizieren. Uns zog es mehr in die Stadt. Unsere Kinder werden in der Stadt groß und sehnen sich nach Land. Nachdem ich ihnen meine Lieblingsserie aus meiner Kindheit „Neues vom Süderhof“ gezeigt hatte, versprach ich ihnen, dass wir Urlaub auf dem Bauernhof machten. Gesagt, getan und nachdem Corona es zuließ, ging es für ein Wochenende auf den Bauernhof. 

Der Hof war malerisch gelegen in der Nähe von Murnau mit Blick auf die Alpen. Es gab Ziegen, Kaninchen, Kühe, Pferde und die Kids waren happy. Abends durfte man bei der Stallarbeit helfen. Der Bauer war etwas ruppig, aber wer jeden Tag seine Arbeit erledigen muss und dabei noch Kinder bespaßen soll, dem sei es zu verzeihen. Dachte ich. Ich schnappte mir die Forke und los ging es mit dem Heu verteilen. Alles lief gut, bis ich einen entscheidenden Fehler macht. Um etwas Heu zusammenzuschieben, drehte ich die Gabel und das führte in mein Verderben. Hinter mir hörte ich nur: „Was machst du da? Du zerkratzt mir den ganzen Boden. Bist du blöd? Das ist lackiert. Soll ich dir auch mal dein Auto zerkratzen?“ Oh je – ein ganz sympathischer Zeitgenosse. Ich entschuldigte mich, stellte die Gabel zur Seite und war ab sofort stiller Beobachter. Ich war nur froh, dass es mich getroffen hat und nicht die Kinder. Man hätte es ja vorab einmal erklären können, um solche Missgeschicke zu vermeiden, aber Anschreien war auch eine super Alternative. Eine Mutter erzählte mir, dass ihr am Vorabend das gleiche Schicksal ereilte. Auch mit Schuhen auf das Trampolin zu gehen, war Todsünde und nicht empfehlenswert, außer man mochte es, angeschrien zu werden. Wir waren also ab dann auf der Hut. Ich hielt mich ab sofort vornehm zurück. 

Die Kinder hatten Spaß und das war die Hauptsache. Sie durften sogar noch mit Trecker fahren. Beide freuten sich total und wir ließen sie losziehen. Ein paar Minuten Ruhe – herrlich! Als sie zurückkamen, war meine Tochter total happy, aber mein Sohn schien etwas angesäuert. Auch er war mit dem Bauern zusammengerasselt. Er hatte eine Frage während der Fahrt gestellt und da absolutes Redeverbot galt, hat er einen Klaps bekommen. Auch wenn mein Sohn wirklich sehr viel redet und gefühlt nie still ist, ging das natürlich gar nicht. „Morgen helfe ich gerne mit beim Heu, aber bei dem steige ich nie wieder ein“, protestierte er. Jetzt war auch seine kleine Schwester skandalisiert. 

Nachdem sich alle beruhigt hatten, verbrachten wir noch ein paar nette Tage. Es gab nur eine Regel auf dem Hof, die uns erklärt wurde: wenn man ins Streichelgehege zu Ziegen und den Hasen geht, muss man ganz doll darauf aufpassen, dass die Tür immer zu ist und die Tiere nicht fliehen. Es war Sonntag in der Früh. Wir warteten noch auf die Brötchen und die Kinder wollten den Tieren guten Morgen sagen. Natürlich kam, was kommen musste. Wir tranken gerade den ersten Kaffee, als der Blick aus dem Fenster nichts Gutes versprach. Die Kinder rannten munter um die entlaufenden Ziegen her. Mein Mann und ich guckten uns panisch an. Gleich würde der Bauer mit den Brötchen kommen – wir waren geliefert! Mein Mann rannte nach unten und versuchte die Ziegen vorsichtig zurück in den Stall zu bewegen, aber es war zwecklos. Sie nahmen immer wieder reiß aus. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Meine innere Bäuerin meldete sich zu Wort, ich lief nach unten, schnappte mir den leeren Futtereimer und tat so, als wäre Fütterungszeit. Die Ziegen kamen brav hinter mit her und schon bald waren sie wieder im Gehege. Als wäre nichts gewesen…Zum Glück waren die Hasen nicht weggelaufen, denn dann wären wir chancenlos gewesen. Mein Mann guckte mich ganz begeistert an und auch der Bauer hatte ausnahmsweise mal nichts zu meckern. Mit Lack mag ich es vielleicht nicht so haben, aber bei Ziegen macht mir so leicht keiner was vor 😉

Im nächsten Leben werde ich Bäuerin 😉

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